Puklla Indigene

Pukllasunchis: Mit Erzählkarten die eigene Lebenswelt entdecken

Pukllasunchis arbeitet in ländlichen Regionen der Anden in Peru mit Kindern, Lehrpersonen und Familien zusammen. Ziel der Organisation ist es, eine Bildung zu fördern, die die Erfahrungen und die Sprache der Menschen vor Ort einbezieht. Viele Kinder wachsen in quechuasprachigen Gemeinschaften auf, im Schulalltag finden ihre Sprache und ihr kulturelles Wissen jedoch oft wenig Platz – eine Folge der strukturellen Diskriminierung der indigenen Bevölkerung in Peru. Das Projekt verbindet partizipative Lernmethoden, pädagogische Begleitung und Radioarbeit. Eine Methode, die Pukllasunchis entwickelt hast, sind die sogenannten Mapas Territoriales. Diese Erzählkarten werden an Workshops
gemeinsam mit den Kindern erarbeitet: Die Kinder zeichnen Wege, Felder, Flüsse, Berge oder besondere Orte ein und erzählen, welche Bedeutung diese für ihr Leben haben. Viele sprechen zuvor mit ihren Eltern oder Grosseltern und bringen deren Erinnerungen, Geschichten und Wissen in die Schule. Aus den Karten entwickeln die Kinder gemeinsam Themen für Radiobeiträge. Sie recherchieren, führen Gespräche und gestalten ihre Inhalte so, dass sie für andere verständlich und interessant werden. Die Sendungen werden über lokale Radiosender ausgestrahlt und machen das Wissen der Gemeinschaften weit über das Klassenzimmer hinaus hörbar. Auch die Lehrpersonen arbeiten mit dieser Methode von Pukllasunchis. Sie erstellen eigene Erzählkarten, reflektieren, wie sie diese im zweisprachigen und multi- kulturellen Unterricht einsetzen können, und dokumentieren die Ergebnisse digital. So entsteht ein wachsendes Archiv, auf das auch andere Schulen zugreifen können. Die Methode trägt dazu bei, die Lebensrealität der Kinder stärker in den Unterricht einzubeziehen und die Kluft zwischen ländlich-indigenen und städtisch geprägten Bildungswelten zu überbrücken.

Fotoreportage aus dem Projekt in Peru

Die Erzählkarten entstehen Schritt für Schritt. Gemeinsam zeichnen die Kinder Wege, Häuser, Felder, Flüsse oder Berge ein und erzählen, welche Bedeutung diese Orte für ihr Leben haben.

Auf den Karten wird sichtbar, was die Kinder mit ihrer Umgebung verbinden. Ein Fluss, ein Feld oder ein bestimmtes Haus kann für sie mit Erinnerungen, Erlebnissen oder wichtigen Menschen verbunden sein. So werden die Karten zu einer persönlichen Darstellung ihres Dorfes.

Dabei bringen die Kinder auch Wissen ein, das sie zuvor in Gesprächen mit Eltern oder Grosseltern gesammelt haben. Erinnerungen, Erfahrungen und Geschichten aus der Gemeinschaft fliessen in den Unterricht ein. Die Karten verbinden den Lernprozess mit dem eigenen Alltag und dem Leben im Dorf.

Beim Gestalten der Karten arbeiten die Kinder einzeln und gemeinsam. Sie zeichnen, schreiben, lesen, rechnen, diskutieren und erzählen einander von ihren Erfahrungen. Jedes Kind bringt eigene Ideen und Kenntnisse ein.

Dabei entstehen nicht nur farbige Karten, sondern auch Gespräche über ihre Umwelt und ihr Zusammenleben, über die Arbeit auf dem Feld, Dorffeste und die Familie. Kreatives Arbeiten und schulisches Lernen greifen ineinander und fördern verschiedene Fähigkeiten gleichzeitig.

Die Kinder setzen sich mit Fragen auseinander, die direkt mit ihrem Leben verbunden sind: Woher kommt das Wasser? Was wächst auf den Feldern? Welche Orte sind für die Gemeinschaft wichtig? Und welche Geschichten werden von einer Generation zur nächsten weitergegeben?

Mit den jüngeren Kindern wechseln sich konzentriertes Arbeiten und gemeinsame Spiele, Lieder oder Bewegungsübungen ab. So bleiben die Kinder aufmerksam und können sich immer wieder auf neue Aufgaben einlassen.

Spielerisch setzen sie sich mit ihrer Umgebung, der Geschichte ihres Dorfes, den Tieren, Pflanzen und Traditionen auseinander. Lernen wird so zu einer gemeinsamen Erfahrung, die Geist, Körper und Gemeinschaft verbindet.

Die fertigen Erzählkarten bilden den Ausgangspunkt für weitere Gespräche. Gemeinsam überlegen die Kinder, welche Themen besonders wichtig sind und welche Geschichten weitererzählt werden sollen.

Sie fragen sich, was ihre Gemeinschaft ausmacht, welche Veränderungen sie beobachten und welche Herausforderungen sie beschäftigen. Dabei lernen sie, ihre Gedanken zu ordnen, einander zuzuhören und unterschiedliche Sichtweisen miteinander zu verbinden.

Aus ausgewählten Themen entstehen Radiosendungen. Die Kinder bereiten ihre Beiträge vor, führen Interviews durch und sprechen ihre Texte selbst. Was zunächst auf einer Karte festgehalten wurde, wird so zu einer Geschichte die nachgespielt wird.

Aus den Geschichten entwickeln die Kinder eigene Szenen. Sie schlüpfen in verschiedene Rollen und spielen die Handlung gemeinsam nach. Dabei lernen sie, sich auszudrücken, zuzuhören und gemeinsam eine Geschichte zu gestalten.

Mit selbst entwickelten Geräuschen und einer passenden Geräuschkulisse machen die Kinder ihre Geschichten lebendig. Sie lernen, kreativ mit Sprache und Klängen zu arbeiten und ihre Ideen umzusetzen. So entsteht ein Hörspiel, das über lokale Radiostationen Familien und Gemeinschaften in der ganzen Region erreicht.

Auch die Lehrpersonen arbeiten mit den Erzählkarten. Sie reflektieren die entstandenen Inhalte und überlegen, wie sie diese in den zweisprachigen und multikulturellen Unterricht einbeziehen können. Die Karten helfen ihnen, den Unterricht näher an der Lebenswelt der Kinder zu gestalten.

Sie dokumentieren die Karten digital und bauen ein gemeinsames Archiv auf. So fliessen die Resultate aus den Workshops langfristig in den Unterricht und in die Weiterentwicklung der Methode ein. Was im Klassenzimmer entsteht, wirkt damit über den einzelnen Workshop hinaus.